„Mein Kind ist 1 Jahr alt und ein typisches Corona-Kind. Stefanie, was muss ich bei der Eingewöhnung beachten?“ Immer wieder taucht diese Bezeichnung „Corona-Kind“ in den letzten Wochen in den Emails und Nachrichten an mich auf. Mütter aber auch pädagogische Fachkräfte fragen mich, wie eine Eingewöhnung klappen kann, wenn ein rund 1 bis 1,5 jähriges Kind eigentlich NUR die eigene, kleine Familie kennt. Und dann in kurzer Zeit in einer großen Kindergruppe bleiben soll. Denn die Corona-Hygienemaßnahmen erschweren die Eingewöhnung zusätzlich – Maske, nicht mit ins Haus dürfen, schnell an der Tür abgeben, usw. Vielen macht das Bauchschmerzen.

Noch eins vorweg. Wenn du mich und meine Haltung schon eine Weile kennst, weißt du wie ich arbeite. Falls nicht: Herzlich Willkommen, schön dass du hier liest.

Bei mir geht’s beim Thema Eingewöhnung nicht nur ums Kind. Sondern genauso auch um die Mama bzw. die Eltern UND die pädagogischen Fachkräfte gleichermaßen. Also wird sich dieser Artikel, ganz im Sinne meines Beziehungsdreiecks, auch um alle drei Beteiligten drehen, obwohl er mit „Besonderheiten der Corona Kinder“ titelt. Außerdem habe ich verschiedene Kommentare von Müttern und Erzieherinnen, die unter meinen Beitrag geschrieben wurden, mit eingefügt. Vielen Dank an alle, die mir das erlaubt haben. Ich liebe meine Community.

Das Besondere an „Coronakindern“

Letzte Woche in der Beratung sagte mir die Mama, ihr einjähriges Kind hat sich im letzten Jahr hauptsächlich in der Wohnung oder ums Haus drum herum aufgehalten. Und die wenigen Male bei Oma und Opa war es gestresst und hat sich an Mama geklammert. Also kam ich ins Nachdenken, was der mittlerweile häufig gelesene Begriff „Coronakinder“ eigentlich meinen könnte.

Coronakinder Eingewöhnung 1

„Coronakinder“ sind Kinder, die ihre bisherige Lebenszeit mit ihren Eltern und ggf. Geschwistern verbracht haben

UND kaum bis gar keine

  • Kontakte zu Oma, Opa u.a. Verwandtschaft hatten
  • Babykurse oder Krabbelgruppen besuchten
  • Gespräche mit Nachbar:innen oder Postbot:innen erlebten
  • Spielplatzerfahrungen sammelten
  • Zugfahrten, Einkäufe oder Stadtbummel erlebten
  • Zoo, Tierpark oder Schwimmbad-Besuche kennen
  • anderen Babys und Kleinkinder angefasst oder mit ihnen gespielt haben
  • Situationen erlebt, in denen Mama*Papa mal kurz oder auch länger weg waren und Oma*Opa oder eine andere vertraute Person aufgepasst haben

UND stattdessen

  • viel drinnen in der Wohnung bzw. im Haus waren
  • im eigenen Garten spielten und andere Kinder nur über den Zaun sahen
  • oder nur um den Block herum spazierten
  • viel im Wald, auf der Wiese oder am Wasser waren
  • vielleicht aber auch nur einen kleinen Stadtpark mit Hundekacke in der Nähe hatten und
  • aufgrund der 15 km Regelung gar nicht so viel Natur gesehen haben
  • und evtl. auch so viele Menschen plötzlich nach draußen strömten, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden konnten und die Familie doch lieber drinnen blieb

Coronakinder Eingewöhnung 2

Versteh mich bitte so: Diese Aufzählung ist subjektiv. Es muss nicht alles zutreffen, damit ein Kind ein richtiges „Coronakind“ ist. Und genauso können einige Beispiele auch auf Kinder zutreffen, die nicht kurz vor oder während der Coronapandemie geboren worden und mit ihr aufgewachsen sind. Diese Aufzählung ist auch wertfrei gemeint. Ich will weder sagen, dass Kinder Zugfahrten und Zoo, Babykurse und Shoppingtouren usw. brauchen. Noch meine ich, dass viel in der Kernfamilie und Natur sein was schlechtes oder „nicht genug“ ist.

Coronakinder Eingewöhnung 3

Oft werde ich gefragt, ob Eltern vor der Eingewöhnung mit ihren Kindern „Trennungen“ üben sollten. Ich sage ganz klar NEIN. Gleichzeitig möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die informellen, sozialen „Übungssituationen“ mit anderen Kindern und Erwachsenen Auswirkungen auf die Eingewöhnung haben können.

„Für Kinder aus verbundenheits-orientierten Kontexten gestaltet sich die Eingewöhnung häufig anders als für Kinder aus autonomie-orientierten Kontexten.“ Stefanie von Brück

Kleiner Exkurs in die Pädagogik:
Wir pendeln in unserem Leben stets zwischen zwei Polen – Verbundenheit und Autonomie. Zwischen Gemeinschaftsleben und Selbstentfaltung. Je nachdem wie Kinder groß werden, ob

A) in Großfamilien oder Clans (also mit viel Verbundenheit und Körperkontakt zu mehreren Erwachsenen, die das Kind betreuen) oder eher

B) in Kleinfamilien, mit intensiven Kontakt zu sehr wenigen Menschen (vorrangig Eltern-Kind-Triade evtl. plus Geschwister),

kann das Auswirkungen auf die Eingewöhnung haben. [Vgl. Borke & Keller, 2014]

Coronakinder Eingewöhnung 4

Kinder, die in Gruppensituationen aufwachsen und Betreuung durch andere gewohnt sind, regulieren sich in der Eingewöhnung anders als Kinder, die in exklusiveren Kontexten aufwachsen.^1 [Vgl. Borke & Keller, 2014]

Ich schreibe extra „anders“ und nicht „besser“, weil ich Lebensmodelle von Familien nicht be-werten will. Auch treffe ich an der Stelle keine Aussage, welche Eingewöhnungskinder es leichter oder schwerer haben. Lies bis zum Fazit am Ende weiter. Einen Aspekt möchte ich noch betonen, bevor ich zum nächsten Kapitel übergehe.

„Kinder sind Kinder. Vor, während und nach Corona. Und Kinder brauchen andere Kinder. Diese waren während der Pandemie nur selten bis gar nicht im direkten Kontakt erreichbar. Fehlende Nähe zu anderen Menschen ist eine Besonderheit, die für eine Eingewöhnung eine Rolle spielen kann (nicht muss).“  Stefanie von Brück

Das Besondere an „Coronaeltern“

Nicht nur für Kinder kann es einen Unterschied machen, ob sie vorher schon mal (stundenweise) „woanders“ waren. Auch für Eltern, vor allem für Mamas, die immer noch den Hauptteil der Elternzeit nehmen, ist es oft neu und sehr aufregend, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal in der Eingewöhnung LOSLASSEN sollen. Hui…

Coronakinder Eingewöhnung 5

Die Gefühle von Eltern haben Einfluss auf den Eingewöhnungsprozess ihres Kindes. Aus pädagogisch fachlicher Sicht, meiner eigenen Mutterperspektive und aus mittlerweile über 320 Stunden Beratung NUR zum Thema Eingewöhnung kann ich sagen:

„Gefühle und Bedürfnisse spielen in der Eingewöhnung eine weitaus größere Rolle als gemeinhin angenommen. Unabhängig von Corona, aber jetzt vielleicht doch mehr als vorher.“ Stefanie von Brück

Ich schrieb bereits einen Blogartikel darüber: Was die Eingewöhnung in Kita oder Tagespflege mit einer Achterbahnfahrt zu tun hat. Jetzt möchte ich mich auf die zusätzlichen Bedingungen durch Corona fokussieren.

Coronaeltern sind

  • erschöpft, müde, ausgelaugt
  • voller Kraft und Energie
  • schlingern zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung
  • wuppen alles ohne zu Zucken
  • unter Druck, weil sie schnellstmöglich wieder auf Arbeit kommen sollen
  • befreit von Stress, weil der:die Chef:in selber Kinder hat und die Rückkehr entspannt sieht
  • genervt vom Homeschooling ihrer Schulkinder
  • entspannt mit allen Kids durch den Tag gekommen
  • die meiste Zeit für ihre Kinder allein verantwortlich gewesen
  • unterstützt worden von wenigen, aber regelmäßigen Kontakten
  • sorgenvoll, wie die Eingewöhnung klappen wird
  • zuversichtlich, dass die Eingewöhnung klappen wird
  • verärgert über die politischen Entscheidungen der letzten Monate
  • im Frieden damit, wie es gerade ist
  • sehnsüchtig, dass sie bald wieder arbeiten gehen können
  • zufrieden mit der intensiven Zeit als Familie

Auf wen was von dem Genannten zutrifft ist individuell, je nach Persönlichkeit und Familiensituation. Und oft ist es kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als auch. Das ist ok, macht´s aber nicht wirklich leichter.

Coronakinder Eingewöhnung 6

Da Gefühle starken Einfluss auf den Erfolg einer Eingewöhnung nehmen können, wenn sich z.B. das Bauchgefühl sich meldet oder zweifelnde Gedanken es sich oft im Kopf bequem machen, ist es wichtig sich damit intensiv auseinanderzusetzen.

In meinem Happy Kita Start Begleitprogramm (klick hier) bekommen Mamas von mir viele Impulse (per Video) und schriftliche Aufgaben zum Erforschen und Spüren der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt. Wie geht’s mir mit der Eingewöhnung? Was brauche ich, damit ich mein Kind gut vorbereiten und begleiten kann? Welche Ängste und Sorgen habe ich und wie gehe ich mit ihnen um? sind nur vier von vielen Fragen, die durch meine Beratung geklärt werden. Und das beeinflusst den Eingewöhnungsprozess positiv. 

Coronakinder Eingewöhnung 7

Das Besondere an „Corona-Eingewöhnung“

Machen wir uns nichts vor. Vermutlich waren Hygieneregeln & Co. noch nie SO ein riesen Thema in Kitas. Und die Hoffnung, dass das keine Auswirkungen auf die Beziehungsqualität in der Betreuung und die Gestaltung der Eingewöhnungen bleibt vielerorts unerfüllt.

Ausgewählte Faktoren, die eine Eingewöhnung unter Coronabedingungen hemmen oder sogar problematisch machen können

  • Maske tragen
    (es fehlt die Mimik, die Kinder für die Rückversicherung zu den Eltern und zum Kennenlernen und Vertrauen fassen der neuen Betreuungsperson brauchen)
  • Eingewöhnung in einem extra Raum (Mama*Papa, Erzieher:in, Kind)
    (die Fachkraft hat Zeit für intensive Kontaktaufnahme, der Sprung vom Elternteil weg in eine Kindergruppe kann gut klappen oder zu groß sein)
  • Mama*Papa dürfen nur an einer festgelegten Stelle sitzen
    (manche Kinder brauchen aber in den ersten Tagen ihre Eltern direkt an ihrer Seite als Brücke, um ins Spiel zu finden)
  • Mama*Papa dürfen gar nicht mit in den Gruppenraum, sondern müssen im Flur/Büro/Garderobe bleiben
    (was dazu führen kann, dass die Kinder konsequent bei ihnen bleiben und schwer zu motivieren sind, sich wegzubewegen)
  • Mama*Papa dürfen nur sehr wenige Tage mit in die Kita und dann soll das Kind an der Tür abgegeben werden
    (geht für die meisten Kinder zu schnell)
  • die Eingewöhnung findet ausschließlich draußen im Garten statt
    (draußen einzugewöhnen ist an sich ne gute Idee, die Eltern aber gar nicht in die Kita rein zu lassen und von den Kindern zu erwarten, dass sie diesen „Sprung“ nach wenigen Tagen alleine schaffen, ist für die meisten Kinder oft zu hoch gegriffen)
  • Eltern wird Druck gemacht sich zu lösen, ihre Kinder schneller allein dazulassen, weil „wegen Corona“

Ein Beispiel wie Eingewöhnung für ein Coronakind unter Coronabedingungen gehen kann, schrieb diese Mama hier:

Coronakinder Eingewöhnung 8
Coronakinder Eingewöhnung 9

Mir ist vollkommen bewusst, dass pädagogische Fachkräfte sich die gesetzlichen Vorgaben der Pandemiebedingungen nicht aussuchen können und dass es schwierig ist, die sich ständig verändernden Vorgaben umzusetzen. Gleichzeitig gibt es Möglichkeiten, die prkatische Umsetzung der Regelungen mitzubestimmen. Im Blogartikel „6 Tipps für die (Wieder)Eingewöhnung nach Corona“ habe ich bereits in Tipp 3 darüber geschrieben, dass es in fast jeder Kita ein anderes Vorschriftenkonzept gibt, da einheitliche und feste Regelungen seitens Bund und Ländern fehlen. Wir dürfen also die Rahmenbedingungen kritisch hinterfragen und sowohl die Corona-Schutzmaßnahmen als auch das Wohl der Kinder und Fachkräfte in Einklang bringen.

Eingewöhnung ist und bleibt ein sensibler Transitionsprozess im Leben eines Kindes. Doch die Betreuungs- und Beziehungsqualität darf „wegen Corona“ NICHT darunter leiden.

Wenn du pädagogische Fachkraft bist, dann gebe ich dir wertvolle und praxisorientierte Impulse für eine beziehungsstarke Eingewöhnung (auch unter Coronabedingungen) in meiner Online-Fortbildung am 17. April 2021. Wenn du für dein gesamtes Team eine Fortbildung möchtest, schreib mir eine Anfrage per Email. 

Fazit

Ein Gedanke noch vorweg: Viele Mütter waren auch schon vor Corona viel mit ihren Babys und Kleinkindern allein, manche sogar isoliert auf dem Dorf oder in der Stadt. Mit Mangel an Kontakten generell oder fehlenden bedürfnisorientiert lebenden Familien. Mit Oma und Opa hunderte Kilometer weit weg. Das war auch schon vor Corona so. Denn unsere westliche Kultur lebt eben überwiegend ein autonomie-orientiertes Familienleben.

Coronakinder Eingewöhnung 10
  1. Wie viele soziale Kontakte (und Trennungssituationen) ein Kind vor dem Kita Start hatte, kann den Eingewöhnungsprozess beeinflussen. Es gibt also eine Korrelation = einen Zusammenhang.
  2. Das Vorhandensein oder ein Mangel an sozialen Kontakten sind jedoch KEIN alleiniges Kriterium, für eine erfolgreiche Eingewöhnung. Es besteht also keine Kausalität = keine eindeutige Ursache-Wirkung. Denn Transitionsprozesse sind sehr komplex und müssen ganzheitlich betrachtet werden.
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3. Eingewöhnung braucht Zeit. Denn Kinder brauchen Zeit. Zeit für Beziehungs- und Vertrauensaufbau. Das war vor Corona so. Das ist jetzt wichtig und das wird auch wichtig bleiben, wenn Corona wieder vorbei ist.

4. Es gibt Kinder, die lösen sich leichter von ihren Eltern. Bei denen wird die Eingewöhnung evtl. schneller gehen. Und es gibt Kinder, denen das Loslassen schwerer fällt und die etwas länger zum Ankommen brauchen. Beides ist ok. Ob das Loslassen und Ankommen mit dem Aufwachsen während einer Coronapandemie zusammenhängt oder andere Ursachen hat, spielt für mich keine allein-entscheidende Rolle. Denn es gibt so viele Einflussfaktoren bei einem Eingewöhnungsprozess.

Aber wenn das alles fast „egal“ ist… worauf kommt es denn dann an?

Entscheidend ist die Qualität der Eingewöhnung. Und die ist abhängig von den Müttern bzw. Eltern UND von den pädagogischen Fachkräften gleichermaßen.

Corona hin oder her. Kind sind wie sie eben grad sind. Punkt.
Sie in ihrem So-Sein anzunehmen und sie beziehungsstark, bedürfnisorientiert und bindungssicher durch die Eingewöhnung zu begleiten ist der Job der Erwachsenen.

Und damit das gut klappt, können sie sich Unterstützung holen. Zum Beispiel bei mir.

Du weißt nicht, was das Passende für dich ist? Dann schreib mir eine Nachricht oder Email.

Viel Erfolg bei der Eingewöhnung.

Deine Stefanie