Wie die unsichtbaren Kettenreaktionen der aktuellen Familien- und Arbeitspolitik die Kita-Krise verschärfen?
Es gibt eine politische Illusion, die sich immer drastischer auswirkt: Dass man einzelne Stellschrauben verändern kann, ohne dass das gesamte System darauf reagiert.
Zwei Monate weniger Elterngeld. Neue Regelungen bei den Krankschreibungen. Mehr „Anreize“ zur Rückkehr in den Beruf. Die Liste der „Was für eine Scheiße hat sich die Regierung da nur wieder ausgedacht.“ ließe sich weiter fortsetzen.
Das strukturelle Problem dahinter: Auf dem Papier sind das einzelne Maßnahmen. Im Alltag von Familien und Kitas sind sie das nicht. Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte leben nicht in politischen Zuständigkeiten. Sie leben in Beziehungen. Und Beziehungen interessieren sich nicht dafür, ob eine Entscheidung aus dem Familienministerium, dem Arbeitsministerium oder dem Gesundheitsministerium kommt.
Aber als Pädagogin und Kita-Expertin kann ich (wie viele andere Fachmenschen aus anderen von der aktuellen Sparpolitik betroffenen Bereichen) nicht schweigen.
Ich will in diesem Blogartikel aufzeigen, welche Konsequenzen politische Entscheidungen haben, die in Aktenordnern getrennt werden, aber deren Folgen im echten Leben gleichzeitig aufeinander treffen:
- Was macht es mit einem einjährigen Kind in der Krippe, wenn Eltern zwischen Erwerbsdruck und Familienrealität zerrieben werden?
- Was macht es mit einem dreijährigen Kind im Kindergarten, wenn Fachkräfte ein System stabilisieren sollen, das längst mehrere Krisen gleichzeitig auffangen muss?
- Was macht es mit Eltern und Fachkräften, wenn politische Entscheidungen mit voller Wucht in der Kita aufprallen?
Die Frage ist also nicht: Wie viel Geld spart der Staat aufgrund einer politischen Entscheidung?
Die richtige Frage lautet: Wer bezahlt den Preis dafür?
Gespart wird in Berlin – aber bezahlt wird in der Kita – von Fachkräften, Eltern und Kindern!
Aktuell gibt es so viele Änderungen seitens der Regierung, dass wir alle eigentlich kaum noch wissen, wie wir den Tag überstehen, zumindest geht’s mir so. Deswegen lege ich jetzt nur den Fokus auf zwei Themen aus der Familien-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik, die gefährliche Konsequenzen für Kitas haben.
(1) Änderungen beim Elterngeld und die Auswirkungen auf Kita
Der Elterngeldbezug soll auf 12 Monate gekürzt werden. Auf dem Papier geht es dabei um Haushaltsentlastung und darum, Eltern schneller zurück in den Beruf zu bringen.
In der Realität trifft diese Veränderung auf den Rechtsanspruch „Betreuung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr“.
Mal abgesehen davon, dass immer noch massenhaft Kita-Plätze fehlen, während gleichzeitig Kitas wegen dem Geburtenrückgang vielerorts bereits schließen.
Allein durch 2 Monate weniger Elterngeld entsteht ein Spannungsfeld mit weitreichenden Konsequenzen:
Der Zeitplan geht einfach nicht auf. Kita-Platz ab dem 1. Geburtstag, zurück zur Arbeit nach 12 Monaten, weil Geld alle. Aber eine Eingewöhnung ist kein TERMIN für 1 TAG, den man einfach abhakt. Sie ist ein Bindungs- und BeziehungsPROZESS.
1. Kettenreaktion: Eingewöhnungen geraten unter massiven Druck, weil der Zeit-Puffer fehlt
Eine Eingewöhnung dauert ca. 6 Monate bis ein Kind richtig, richtig angekommen ist. Die „aktive“ Eingewöhnung, bei der Eltern anfangs noch mit dabei sind und später auf Abruf sein müssen, dauert 1-3 Monate. Also zumindest, wenn diese Eingewöhnung bindungssicher, bedürfnisorientiert und beziehungsstark ablaufen soll. Und bevor jetzt das typische „Früher ging das alles auch schneller.“ kommt: Eine Eingewöhnung ist in zwei Wochen vielleicht durchgedrückt, aber nicht automatisch abgeschlossen!!
Kürzere Elterngeldmonate = kein Puffer bis zum Arbeitsstart = weniger Zeit für Eingewöhnung = mehr Stress für Kind, Eltern, Fachkräfte!
Wenn der Übergang von Familie in Kita möglichst schnell abgeschlossen werden muss, steigt der Druck auf alle Beteiligten:
- auf Eltern, die schnell wieder arbeiten müssen,
- auf Fachkräfte, die das irgendwie schnell möglich machen sollen,
- auf Kinder, die diesen Wechsel emotional bewältigen müssen.
Eine Eingewöhnung, die eigentlich individuelle Zeit braucht, wird zu einem organisatorischen Problem. Dabei ist die Eingewöhnung entscheidend dafür, wie sicher ein Kind die Kita dauerhaft erlebt.
2. Kettenreaktion: Durch die Eingewöhnung gestresste, emotional unsichere Kinder werden häufiger krank
Wenn Kinder eine Trennungssituation erleben, für die sie noch nicht bereit sind, kann das zu emotionalem Stress führen. Das zeigt sich nicht immer sofort offensichtlich. Manche Kinder werden unruhiger, anhänglicher oder ziehen sich zurück. Manche reagieren mit Schlafproblemen, häufiger Krankheit oder stärkerer emotionaler Belastung – auch über die Eingewöhnung hinaus!
In meiner Arbeit mit Familien und Kitas sehe ich immer wieder Kinder, die nicht gut eingewöhnt und im Kita-Alltag gestresst sind. Eine überfordernde Eingewöhnung betrifft deshalb nicht nur den Moment der Trennung. Sie kann langfristig beeinflussen, wie sicher sich ein Kind in der neuen Umgebung fühlt über mehrere Monate oder Jahre hinweg.
Mehr Stress in der Eingewöhnung = emotional instabiles Kind = Kind häufiger krank
3. Kettenreaktion: Der Druck kommt zurück zur Familie und landet wieder im Arbeitsmarkt
Und wenn wir das alles nun konsequent weiter denken, dann verfehlt die politische Maßnahme, die Eltern/Mütter wieder schneller zurück in Arbeit bringen soll, ihr Ziel komplett und wird stattdessen genau die Probleme produzieren, die sie eigentlich verhindern wollte.
gescheiterte Eingewöhnung = keine Kita = gar kein Rückkehr in den Beruf = nix mit Wirtschaft ankurbeln
Und wenn man es nicht ganz so schwarz malen will, wird es trotzdem nicht besser, denn:
Eingewöhnung unter Druck = emotional instabile, krankheitsanfällige Kinder = mehr Fehltage in der Kita zusätzlich zu den „normalen“ Kinderkrankheiten = kurzfristige, aber regelmäßige Arbeitsausfälle der Eltern steigen
Das kann nicht nur zu Konflikten zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen führen, sondern auch zwischen dem Elternpaar Streit um die Verteilung der Care-Arbeit verursachen. Ganz zu schweigen davon, dass Frauen, die nun mal weniger verdienen, diese Kind-Kranktage oft leisten müssen und damit noch weniger Geld bekommen, nachdem sie schon genug Rentenpunkte eingebüßt haben und noch finanziell abhängiger werden.
Aber okay, noch weiter will ich mit dem Artikel nicht gehen, komme ich zurück zu einem zweiten Zusammenhang, der isoliert betrachtet irgendwas „richten“ soll, aber ganzheitlich systemisch betrachtet alles nur noch schlimmer macht.
(2) Änderungen bei den Krankschreibungen und die Auswirkungen auf Kita
Auch Änderungen bei Krankschreibungen werden meist aus Sicht der Arbeitsorganisation diskutiert. Weniger Bürokratie? Mehr Kontrolle? Weniger Fehlzeiten? Keine Ahnung was sich die Politiker*innen dabei gedacht haben, aber was sie definitiv übersehen haben:
Eine Kita ist ein System, aber dieses System besteht aus Menschen. Menschen, die krank werden. Menschen, die Kinder betreuen. Menschen, deren Gesundheit direkte Auswirkungen auf die Qualität der Betreuung hat.
1. Kettenreaktion: pädagogische Fachkräfte gehen krank zur Arbeit statt sich kurz auszuruhen
Wenn die Hürden für eine Krankschreibung steigen, kann der Druck wachsen, trotz Krankheit zu arbeiten. Und das ist JETZT schon der Fall, es wird also noch schwerwiegender!
Gerade in Kitas ist das problematisch.
Eine Fachkraft, die eigentlich nur ein oder zwei Tage Ruhe bräuchte, um wieder gesund zu werden, nimmt möglicherweise eine Verschlechterung der eigenen Gesundheit in Kauf.
2. Kettenreaktion: Statt kurzer Ausruhtage entstehen längere Personalausfälle
Wenn Mitarbeitende erst dann zum Arzt oder zur Ärztin gehen, wenn es wirklich nicht mehr geht, kann sich die Erkrankungsdauer verlängern. Aus einem kurzen Ausfall werden möglicherweise mehrere Tage oder Wochen.
Aber wenn eine Fachkraft direkt in die Praxis geht und sich krankschreiben lässt, wird sie auch wahrscheinlicher für eine Woche rausgenommen, weil die Praxen auch nicht alle 2 Tage den Ansturm von Patient*innen bewerkstelligen können.
3. Kettenreaktion: Mehr Krankheit erzeugt mehr Stress – und mehr Stress erzeugt mehr Krankheit
Kitas arbeiten bereits vielerorts am Limit. Wenn mehrere Fachkräfte gleichzeitig fehlen:
- steigt die Belastung für das verbleibende Team,
- sinkt die pädagogische Qualität,
- steigt die Erschöpfung.
Und genau diese Belastung erhöht wiederum das Risiko weiterer Ausfälle. Es entsteht eine Spirale:
Mehr Krankheit → mehr Druck → mehr Belastung → mehr Krankheit.
4. Kettenreaktion: Dauerhafte Belastung führt zu Team-Konflikten und Fachkräfteverlust
Dieses Krankschreiben-Thema belastet Kita-Teams schon jetzt enorm, nicht nur weil die Fachkräfte für die Arbeit mit den Kindern fehlen, sondern auch weil unter Kolleg*innen die unterschiedlichen Handhabungen wann sich jede*r wie lange krankschreiben lässt oder „mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit kommt“ zu internen Spannungen führen können. Durch die neuen Regelungen wird das nur noch verschärft.
Und wenn Menschen über längere Zeit unter diesen Bedingungen arbeiten, steigt das Risiko:
- Stunden zu reduzieren,
- den Arbeitgeber zu wechseln,
- den Beruf ganz zu verlassen.
Der Fachkräftemangel verschärft sich. Kitas laufen oft nur noch mit Notfall-Plan. Gruppen schließen. Leidtragende sind die Fachkräfte, aber auch die Eltern. Denn die haben wieder keine Betreuung für ihr Kind. Also können sie nicht arbeiten. Also fangen Frauen das auf. Also…
Ok, kurz den Fokus weg von den Erwachsenen, die direkt von dieser Arbeits- und Gesundheitspolitik betroffen sind. Indirekt betroffen und am Ende dieser Kette stehen wieder die Kinder!
5. Kettenreaktion: Kinder erleben weniger Stabilität
Beziehungen brauchen Kontinuität. Kinder brauchen verlässliche Bindungs- und Beziehungsspersonen, zu Hause und in der Kita!
Wenn Teams ständig wechseln, Vertretungen einspringen und vertraute Fachkräfte fehlen, verändert das die Qualität des Kita-Alltags. Gerade Kinder, die ohnehin viel Anpassungsleistung erbringen müssen, erleben durch diese Fluktuation weniger Sicherheit.
Auch diese Belastung bleibt nicht in der Kita. Kinder wechseln täglich das System, sie nehmen Erfahrungen mit nach Hause.
Der Stress wandert zurück in die Familien.
Sie nehmen den Stress von dort aber auch wieder zurück in die Kita.
Wie beim Ping-Pong-Spielen springt der Stress hin und her!
Fazit: Berlin spart – wir bezahlen den Preis!
Die Rechnung verschwindet nicht. Sie wandert nur.
Vielleicht spart eine Kürzung kurzfristig Geld.
Vielleicht verbessert eine neue Regelung kurzfristig eine Statistik.
Aber Familien funktionieren nicht wie Tabellenkalkulationen.
Kinder lassen sich nicht beschleunigen.
Eingewöhnungen lassen sich nicht beliebig verkürzen.
Beziehungen lassen sich nicht durch politische Vorgaben ersetzen.
Wenn der Druck auf Familien steigt, landet dieser Druck irgendwann bei den Kindern.
Wenn der Druck auf Fachkräfte steigt, landet dieser Druck irgendwann bei den Kindern.
Und wenn Kitas immer mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen sollen, ohne die notwendigen Ressourcen zu bekommen, landet auch diese Lücke am Ende bei den Kindern.
Die politische Betrachtung bleibt oft in Zuständigkeiten stecken:
- Wer ist zuständig?
- Welcher Haushaltstopf ist betroffen?
- Welches Ministerium trägt Verantwortung?
Kinder stellen andere Fragen:
- Bin ich sicher?
- Wer ist für mich da?
- Kann ich mich auf meine Bezugsperson verlassen?
Das ist die Realität eines Systems, das nicht in Ressorts funktioniert.
Eine nachhaltige Politik muss deshalb aufhören, einzelne Maßnahmen isoliert zu betrachten.
Denn die Kosten verschwinden nicht, nur weil der Staat sie aus dem Haushalt streicht.
Die Kosten werden nur weitergereicht: An Familien. An Fachkräfte. An Kinder.
Gespart wird in Berlin. Aber bezahlt wird in der Kita.


